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Achtung Statistik!

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Reihe: Achtung: Statistik

Zins und Zinseszins

VON BJÖRN & SÖREN CHRISTENSEN

Versetzen wir uns einmal ins Jahr Null unserer Zeitrechnung zurück und
stellen uns vor, wir wären Joseph und Maria, die – gerade Eltern geworden
– an der Krippe des Jesuskindes stehend die drei Könige empfingen. Nun
hätten die ersten beiden Könige bereits Geschenke überbracht, der dritte
König würde uns aber vor die Wahl stellen, entweder einen Klumpen Gold
oder einen Cent zu empfangen, wobei letzterer jedes Jahr mit 5 Prozent
verzinst werden solle. Wofür würden wir uns wohl spontan entscheiden?
Selbstverständlich für den Klumpen Gold, da dieser einen bei weitem hö-
heren Wert als ein lumpiger Cent aufweist. Aber vielleicht sollten wir als
treusorgende Eltern des Gründers einer noch zweitausend Jahre später ex-
istierenden Kirche darüber nachdenken, den Wert der Geschenke in der
langen Frist zu beurteilen. Naja, mag man denken, was soll denn aus einem
Cent zuzüglich fünf Prozent Zinsen und Zinseszins schon werden? Am An-
fang des zweiten Jahres wäre aus dem einen Cent gerade einmal 1,05 Cent
geworden, nach 100 Jahren nicht einmal 1,32 Euro. Nach 236 Jahren aber
wären bereits gut 1000 Euro entstanden, da jeder Zins der vorherigen Jahre
in den kommenden Jahren wieder verzinst worden wäre. Und diese be-
schleunigte Zunahme des Ursprungskapitals setzt sich – Geldentwertung
einmal unberücksichtigt – fort: Die erste Million läge nach 378 Jahren vor
und die erste Milliarde wäre nach 520 Jahren erreicht. Um es kurz zu ma-
chen: Heute läge der Wert bei etwa 160 Milliarden Erdkugeln aus purem
Gold!
Dieses fiktive Beispiel zeigt, wie extrem sich Zinseszinsen in der langen
Frist auswirken. In der Mathematik wird dies als exponentielles Wachstum
bezeichnet. Man mag einwenden, dass das Beispiel arg fiktiv ist. Aber es
gibt – zumindest halbernste – Beispiele, dass sich Zinsen über Jahre enorm
auswirken können. So fordert die brandenburgische Stadt Mittenwalde von
der Stadt Berlin die Summe von einer Trillion Euro (eine 1 mit 18 Nullen!),
da sie 1562 Berlin 400 Gulden geliehen hatte. Wäre nicht das Siegel unter
der entsprechenden Urkunde zerbrochen, Berlin wäre nicht mehr „arm,
aber sexy“, sondern eher „insolvent und gar nicht mehr sexy“. Und – viel
realer – verdeutlichen die Zahlenbeispiele, dass sich Schulden bei 5 Prozent
Verzinsung bereits nach 15 Jahren verdoppeln, sofern nicht einmal die Zin-
sen bezahlt werden. Und dieses Szenario ist dann doch höchst real im An-
gesicht der Schuldenkrise in Europa.


Quelle: Schleswig-Holsteinische Landeszeitung vom 15. 9. 2012
Als PDF-Seite:
http://netzwerkstatt.de//Dateien/de/Josephspfennig/Achtung-Statistik-15.09.2012.pdf